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Publikationen | Georg Sachse

Sprechmelodien, Mischklänge, Atemzüge.
Phonetische Aspekte im Vokalwerk Steve Reichs



Zum Inhalt:

Eine der wesentlichen Konstanten im Oeuvre des amerikanischen Komponisten Steve Reich, gemeinhin als einer der Hauptvertreter der sogenannten Minimal Music bekannt, ist die Beschäftigung mit Stimmklang und Sprache, und dies nicht nur auf sehr vielfältige, sondern auch immer wieder durchaus innovative Art und Weise. Reichs kompositorischer Umgang mit Stimme und Sprache von seinen frühesten bis hin zu seinen jüngsten Werken ist Thema dieser Arbeit, die somit an der interdisziplinären Schnittstelle zwischen Musikwissenschaft und Phonetik angesiedelt ist.

Für den Großteil der Werke Reichs steht dabei der dokumentarische Aspekt im Vordergrund. Die Sprachaufnahmen, die er für seine Kompositionen verwendet, werden nicht etwa verfremdet, hingegen bestimmen die phonetischen Parameter der Sprache mehr oder weniger vollständig die musikalischen Mittel (z.B. It´s Gonna Rain, Come Out, My Name Is, Different Trains, The Cave). In anderen Werken wird die menschliche Stimme als reine, quasi-instrumentale Klangfarbe verwendet, um in der Kombination mit Musikinstrumenten (oder durch Imitation instrumentaler Klänge) neue, kompositionsspezifische Klangwelten zu erschaffen (z.B.: Drumming, Music for Mallet Instruments, Voices and Organ, Music for 18 Musicians, Music for a Large Ensemble). Auch bestimmt in einigen Kompositionen die Dauer menschlicher Atemzüge die musikalisch-rhythmische Struktur. Selbst in reinen Textvertonungen (z.B. Tehillim oderThe Desert Music) werden Rhythmus und Metrum aus sprachlichen Gegebenheiten abgeleitet.

Während das Hauptaugenmerk dieses Buches auf der kompositorischen Beschäftigung Steve Reichs mit Stimme und Sprache liegt, läßt es sich gleichzeitig allerdings auch als Einführung in sein Gesamtwerk lesen. Als erste deutschsprachige Monographie über Reich enthält diese Arbeit sowohl biographische Notizen als auch einen Abriß über die Geschichte der Minimal Music. Abgerundet wird dies durch ein umfassendes Werkverzeichnis sowie durch die Texte zu The Cave und Three Tales. 269 Seiten mit 66 (Noten)Beispielen.



Rezensionen:

Christian Baier in ÖMZ 5/2005:

"Es ist viel Spekulatives über Steve Reich publiziert worden. Sachses profunde Analyse schließt eine der letzten Lücken im Schifttum über den 'Minimal-Guru'. Die Arbeit - eine Dissertation an der Universität Köln - unterscheidet sich wohltuend von vielen anderen zeitgeistigen und geschmäcklerischen Versuchen, Reichs Schaffen in systematische Formen zu zwängen und es als Fundament eines musikhistorischen Weltbildes zu stylen. Kein Wunder: Der Autor ist Schüler von Georg Heike, dessen stringente Methodik ausschließlich vom Werk und nicht von den Wunschvorstellungen der Analytiker ausgeht. Durch eine gewisse Denkstrenge, die stets am Werk und auch am gewählten Thema bleibt und - außer bei der Darstellung des ästhetischen Umfeldes - nicht auf die verlockend vielen Randgebiete der 'Minimal Art' (samt ihrer unzähligen Denk-Fallen) übergreift, gelingt es Sachse, die im Schaffensprozeß Reichs linear-konsequente Integration der menschlichen Stimme in minimalistische Prozesse von den frühen Tonbandexperimenten (It's gonna rain, Come out) über die Verwendung der menschlichen Stimme als Teil eines Instrumentalapparates (Music for Mallet Instruments, Voices and Organ), Music for 18 musicians) und die wegweisenden Vokalkompositionen Tehillim und Desert Music bis hin zu den Sprechmelodien vonDifferent Trains, The Cave, Three Tales darzustellen. Manches in Sachses Buch ist eine gekonnte Zusammenfassung bereits vorhandener Studien, aber bei vielen Aspekten des Themas wagt er sich in analytisches Neuland vor. Teilweise kommt der inhaltliche und ästhetische Einfluss der gewählten Texte auf die Ausformulierung des musikalischen Gedankens (immanent etwa bei Desert Music) ein wenig zu kurz, und vielleicht hätte an der einen oder anderen Stelle ein Rundblick in die geistesgeschichtlichen Entwicklungen in den USA jenseits des Minimalismus sowie eine vertiefende Betrachtung des 'Dokumentarischen' bei Reich weitere Zusammenhänge erschlossen. Doch entschädigt der Autor in lesbarer Form - welch eine Seltenheit in musikwissenschaftlichen Arbeiten! - durch eine Fülle von wichtigen Erkenntnissen und einen gekonnten Brückenschlag zwischen dem experimentellen Frühwerk und den 'großen' Kompositionen der letzten 20 Jahre.

Herbert Glossner in "Positionen dreiundsechzig", Mai 2005:

"(...) Bei allen Bedenken gegenüber dem aus der Kunstgeschichte entlehnten Begriff "minimal music" führt Sachse präzise in die Materie ein, stellt zunächst die Protagonisten La Monte Young, Terry Riley und Phil Glass vor. Im Werk Reichs zeigt er die Prinzipien der pulsierenden Repetition, der Phasenverschiebung und des Kanons auf, um sich dann ausgiebig mit dem Vokalwerk und jeder einzelnen Komposition zu beschäftigen. Reichs Arbeit mit Sprache als Klangmaterial, mit Tonbandaufzeichnungen, verschiedenen Geschwindigkeiten, Sprachüberlagerungen und -zerlegungen oder das Ideal [des] "vokal-instrumentalen Mischklangs" wird transparent. So auch der Unterschied dieser Mittel zur geradlinigen, oft syllabischen Textvertonung (in der Psalmenkomposition Tehillim, 1981, oder in The Desert Music, 1984) und zu bewußt verständlichen Sprachfragmenten (Different Trains, 1988). Den Phonetiker und Musikwissenschaftler Sachse interessiert besonders das Übertragen von Sprechmelodie aus dem gesprochenen, dokumentarischen Wort in instrumentale Formeln. Sachses Darstellung reicht bis zur dokumentarischen Video-Oper Three Tales (2002), die sich vor allem neue technologische Entwicklungen zunutze macht. Texttabellen zu einigen Werken, ein Reich-Werkverzeichnis ergänzen die Darstellung. Ein großer Vorzug sind die zahlreichen, neu gesetzten Notenbeispiele, hinderlich für Nicht-Kenner manche Passagen in Phonetik-Fachsprache. Doch im Ganzen lassen sich diese Kölner Beiträge erstaunlich gut lesen."

Robert Nemecek in einem Bericht zu den ersten beiden Bänden der "Kölner Beiträge zur Musikwissenschaft", gesendet im Deutschlandfunk, "Musikjournal", 11.4.2005:

"Beide Arbeiten bewegen sich sowohl sprachlich als auch analytisch auf hohem Niveau und können für sich beanspruchen, unser Wissen um das musikalische Denken der (...) Komponisten um einige wichtige Aspekte und Erkenntnisse bereichert zu haben. (...) Ausführlich und in einer auch für Nicht-Eingeweihte verständlichen Sprache legt der Autor dar, wie Reich Verbindungen zwischen Stimme, Sprache und Musik auskomponiert. Und indem er zugleich zeigen kann, wie originell, differenziert und vielfältig Reichs Umgang mit diesem Material ist, widerlegt er zugleich das in Europa nach wie vor gängige Vorurteil von der primitiven, angeblich eher nach industriellen als nach künstlerischen Maßstäben gefertigten Minimal-Music."

"tf anno" auf der Internet-Site "CrossOver":

"(Die) Lesefreude (ist) erheblich. Man klappt das Buch am Ende mit Gewinn zu - und das ist doch schon eine ganze Menge. Für musikalisch interessierte Menschen mit einer Neigung zu - auch heute noch - avantgardistischen Klängen ist das Buch auf jeden Fall eine Empfehlung wert."